Ein Indianer kennt keinen Schmerz! Oder so ähnlich …

Mein “Indianer” Klettersteig Abenteuer bei Netstal GL

Im frischen Morgenwind laufen wir drei (mein Bruder mit Frau und ich) hinauf gemäss der vagen Beschreibung im Internet und verpassen dann doch den entscheidenden Abzweig. 
50 m später stellte sich heraus, dass wir falsch waren. Also wieder etwas retour. Schade, fehlen an den wichtigen Abzweigern entsprechende Schilder.
Es kommt nun ein Trampelpfad mitten durch den Wald über einen Bach mit Holzbrücke, Baumwurzeln, Büschen, Steinen - wild-romantisch eben. Ich habe die Zeit vergessen, da die Eindrücke des Waldes auf mich wirken. Endlich kommt das angekündigte “INDI” Holzschild. Die letzten Meter zum Einstieg helfen Seile zum Festhalten und Hinaufziehen.
Klettersteig Set anziehen, Handschuhe, Schuhe nochmals binden, Rucksack festzurren, alles überprüfen und hinauf geht’s.

Bis zum «Telefon» und der ersten C-Stelle im Überhang geht’s ganz gut voran. Ein kurzes Warm-Up. Doch dann aus der Spalte hinauskommend, auf den Abgrund zulaufend, ist für mich dann doch zu viel geworden. Hatte mich mutiger eingeschätzt. Mir wird schlecht und stehe «mir selbst im Weg». Mein Gehirn hat die komplette Kontrolle übernommen.
Nichts läuft mehr; keine Kraft in den Armen oder Beinen mehr; keine Kraft mehr zum Denken oder gar Handeln.
Mein Instinkt schreit und weint sich die Seele aus dem Leib. Vor mir geht’s schliesslich mehrere hundert Meter in den Abgrund. 
Auch die Anleitung von meinem Bruder etwas weiter oben hilft nicht. Ich fluche und versuche so Druck rauszulassen. Eine gefühlte Ewigkeit später, finden wir zu zweit für mich eine andere Lösung, so dass ich diese 5 m anders klettern konnte.
Meine nächste Herausforderung kommt sogleich. Nochmals hinauf an der Nadelspitze (Felsformation) zur Flagge. Ich fluche fast ohne Pause. Endlich sitze ich da oben und schaue mich um, wie es weiter geht. 
Und dann kommt doch wieder Panik auf. Die Nummer der REGA hatte ich bereits gegoogelt und verinnerlicht. Der Notausstieg des Klettersteigs in Sichtweite.  
ABER dafür muss man erst runter (!) zum Einstieg in die Tyrolliene (8 m) und es über die Schlucht schaffen, dann noch an der Wand ohne Plattform oder Pause ein paar Meter klettern.
Tja, bleibt mir wohl nichts anderes übrig: Trauberzuckerle rein als letzte Stärkung und so ruhig und konzentriert wie möglich weiter machen. Ohne die Anleitung von meinem Bruder, der schon drüben war und an der Felswand klebte, hätte ich das nicht geschafft. Und rüber! Hui!

Mit zitternden Beinen und Armen klemme ich mich am Felsen und den Haken erst mal fest. Krass – ich lebe noch! Die endlose Schlucht unter mir habe ich nicht mal mit einem Blick gewürdigt.
Ich bin drüben und der Notausstieg ist gleich um die Ecke da oben. 
Also DAS schaffe ich auch noch. Fokussiert klettere ich den Rest hinauf und kann mein Glück kaum fassen, als ich endlich sicher am Notausstieg ankomme. Nun ein paar Meter am Seil gesichert entlang zum Trampelpfad hinauf mit dem Pfeil «Netstal». 
Erst geht’s durch den Wald und später am breiten Waldweg eine gute Stunde hinab. Unten kommt man bei der Wiese mit dem grossen Gletscherfelsen hinaus.
Okay – ich hab’s mir mal wieder selbst bewiesen – mein Körper schafft alles! Ja, ich habe viele Schrammen und blaue Flecken. Egal. 
Ohne meinen Bruder, seiner ruhigen, konzentrierten Art und gutem Zureden wäre dies so nicht möglich gewesen. 
Es dürfen nun zum Üben eindeutig leichtere Klettersteige der Kat. A / B folgen. Oder erst mal der Besuch in der Kletterhalle.

PS: ein paar Fotos für diesen Beitrag sind von meinem Bruder, Stephan Laube. 
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